520 Tonnen in 150 Minuten – Konecranes versetzt denkmalgeschützte Wand des Meininger Theaters
Dank des Fluid-Transport-Systems „schwebte“ die Theaterwand vom Gebäude weg – Hunderte Zuschauer waren dabei
Eine Inszenierung der besonderen Art erlebte das Theater Meiningen in Thüringen Anfang Oktober: Die 460 Tonnen schwere Giebelwand wurde vom historischen Gebäude abgrennt und versetzt. Die außergewöhnliche Aktion ist Teil der Generalsanierung der Spielstätte. Um die unter Denkmalschutz stehende Giebelwand zu versetzen, verwendete Konecranes eine Spezialtechnik, das Fluid-Transport-System, das insbesondere beim Verschieben von Brücken, Hafen- und Werftkranen sowie von Schiffen eingesetzt wird. Das exakte Verfahren funktioniert nahezu „reibungslos“ mit minimalem Kraftaufwand, was für das Verschieben der empfindlichen Außenwand extrem wichtig ist.
Schwere Lasten zu bewegen, ist eine Spezialität von Konecranes. Ob komplette Hafenkrane, Brücken, Kreuzfahrtschiffe oder gar Gebäude – der Einsatzbereich des Fluid-Transport-Systems (Fluidts) ist vielfältig, wie das aktuelle Beispiel am Südthüringer Theater in Meiningen zeigt. Um Raum für eine Hinterbühne zu schaffen, sollte die Giebelwand von dem Gebäude abgetrennt und um fünf Meter nach hinten versetzt werden. „Der Einsatz des Fluid-Transport-Systems ist für uns deutlich kostengünstiger und sicherer, als die historische Wand Stein für Stein abzutragen und originalgetreu wieder aufzubauen“, erläutert Detlef Nicolmann, Technischer Leiter des Meininger Theaters. Erarbeitet wurde das Konzept zur Verschiebung der Wand gemeinsam von Konecranes und der Baufirma Bennert aus Hopfgarten, einem der größten Unternehmen für Denkmalsanierung und Restaurierung in Europa.
Präzision im Sekundentakt: Statik, Reibung und Geschwindigkeit überwachen
Mehrere Monate plante die Baufirma Bennert unterstützt von Konecranes die technische Umsetzung: Acht Lastmodule wurden in einer Grube unter der abgetrennten Wand angebracht. Sie trugen die 20 Meter hohe und 17 Meter breite klassizistische Giebelwand, die zur Stabilisierung von einer Stahlkonstruktion eingefasst war – insgesamt 520 Tonnen. „Dank dem Stickstoff in der Hydraulik der Lastmodule ‚schwebte‘ die historische Wand zweieinhalb Stunden lang gut zwei Zentimeter über dem Boden – weg vom restlichen Gebäude. Das war optisch eindrucksvoll, auch für mich, der ich schon über 20 Jahre für Konecranes viele Objekte versetzt habe“, sagt Projektleiter Reinhard Bausch. Mit einem Reibungswert von maximal einem Prozent verlief die Translozierung, das heißt die Verschiebung denkmalgeschützter Gebäudeteile, somit „reibungslos“.
Neigungs- und Wegsensoren überwachten synchrones Anheben, Statik, gleichmäßiges Gleiten und Ablegen der Mauer – bei einer Geschwindigkeit von circa 3,5 Zentimetern pro Minute auf den vier installierten Gleitbahnen. Das Ereignis wurde zu einem Fest: Mehrere Hundert Zuschauer samt Hofkapelle verfolgten die technische Leistung – inklusive Feuerwerk zum Abschluss.
Die Verbindung der Wand mit dem Theatergebäude ist bereits abgeschlossen. Für Detlef Nicolmann vom Meininger Theater geht ein Traum in Erfüllung: Die historische Spielstätte erhält dank der verschobenen Giebelwand endlich eine Hinterbühne. So sind dann Kulissenwechsel, Bühnenbildaufbau oder Proben parallel möglich. Die Generalsanierung mit einem Gesamtvolumen von 21 Millionen Euro soll Ende 2011 fertig sein.
| Größe Giebelwand | 17,58 m (B) x 20,86 m (H) x 1,2 m (Tmax) |
|---|---|
| Gewicht Giebelwand pur | 460 Tonnen |
| Gewicht Stahlkonstruktion zur Stabilisierung | 60 Tonnen |
| Anzahl Fluidtastmodule | 8 |
| Tragfähigkeit pro Modul | 250 Tonnen |
| Belastung pro Modul | 65 Tonnen |
| Gleitmittel | Gasförmiger Stickstoff |
| Arbeitsdruck Hydraulikzylinder | 100 bar |
| Hub Hydraulikzylinder | 20 Millimeter |
| Transporthöhe | 2 Zentimeter |
| Friktionskoeffizient/Reibung | 1 % |
| Geschwindigkeit | circa 3,5 Zentimeter pro Minute |
| Zeitraum | circa 150 Minuten |
| Zurückgelegte Entfernung | 5 Meter |
Schwertransporte bis zu 10.000 Tonnen – das Fluid-Transport-System ist variabel einsatzfähig
„Eine komplette Wand zu versetzen, ist die Ausnahme“, sagt Reinhard Bausch. Das Fluid-Transport-System ist vor allem für große und schwere Objekte im Einsatz. Die jüngsten Beispiele: Im Oktober 2010 verrückte Konecranes die 4.000 Tonnen schwere Kolkbrücke bei Dessau um 30 Meter, womit eine Lücke der Eisenbahnstrecke zwischen Dessau und Rosslau geschlossen wurde. Ein gigantisches Schiffsprojekt für die Neptun Werft in Rostock realisierte Konecranes im September 2010, als die Fluid-Spezialisten ein 9.800 Tonnen schweres Schiff mit 68 Lastmodulen 145 Meter weit transportierten. Reinhard Bausch und sein Team haben bereits die nächsten konkreten Projekte vor Augen. „Wir bereiten uns auf Einsätze zur Verschiebung weiterer Brücken und Schiffe vor.“